Alles was ihm vertraut war, hatte der junge Mann hinter sich gelassen. Hinter sich in seiner Heimat, in einem Land in Nordafrika, namens Marokko. Dort hatte er Zeit
seines Lebens gelebt, und schon als Kind musste er
hart arbeiten, um die grosse Familie mitzuernähren. So lernte er also früh hart zu schuften, aber nie wurde es ihm ermöglicht, eine Schule zu besuchen. Er wuchs ohne jegliche schulische Bildung auf. Er lernte nicht zu
lesen oder zu schreiben, noch irgendwelche Formeln, oder gar eine Fremdsprache. Er wuchs als Analphabet
auf, der er war. Und er stellte es nie in Frage, wie hätte er auch. Er kannte es nicht anders, und war mit seinem
Schicksal zufrieden. Was er brauchte, um als Erwachsener zu bestehen, bezog er aus den Quellen seiner Re-
ligion und Tradition. Das gab ihm Vertrauen, und stärkte sein Ansehen unter den Seinen. Er war zwar ungebil-
det, aber dennoch ein gottesgläubiger und rechtschaffener Mann.
Anfang der 60er Jahre, des letzten Jahrhunderts, ließ sich der junge Marokkaner von der Euphorie anstecken, sich im Ausland als Hilfsarbeiter anwerben zu lassen. Das eröffnete ihm die Möglichkeit, für seine Arbeit höher entlohnt zu werden, und damit seiner Familie besser unter die Arme greifen zu können. Außerdem wäre er ein
gemachter Mann, der viel Ansehen genießen würde. Und vielleicht könnte er so seine Angebetete viel eher hei-
raten, als jahrelang, mit einem kärglichen Lohn, darauf hinzusparen. Seine Angebetete war seine Cousine ersten Grades, wie im Islam nicht unüblich.
Also ging er in eines dieser Büros, und ließ sich registrieren. Da er aber Analphabet war, konnte er nicht lesen,
das man ihn für die BRD registriert hatte. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute, die sich für den ehemaligen
Kolonialherren Frankreich registrieren ließen. Oder zumindest im französisch-sprachigen Raum, wie z.B. in
Belgien.
So kam besagter junger Marokkaner 1962 in der BRD an. Nie zuvor hatte er seine Heimat verlassen, noch hatte
er je über genügend Geld verfügt, um zu verreisen. Da stand er nun, auf einem Bahnhof in Nordrhein-Westpha- len, und wurde von Fremden empfangen,die sich um die frisch angekkommenen Gastarbeiter kümmerten. Weh-
mütig dachte an er an all die Freunde, die das Glück hatten, zusammen nach Frankreich gehen zu können. Sein Los hingegen war es, alleine in diesem absolut fremden Land angekommen zu sein. Niemanden, den er
kannte, kein einziges Wort, das er verstand, fremde Geräusche die ihn verunsicherten, und eine Kultur, die seiner so fremd war. Er trotzte all diesen Wiedrigkeiten, und blieb, obwohl er am liebsten die Flucht ergriffen
hätte.
Dies sind die Hintergründe zum Anfang meiner Geschichte. Denn bei besagtem jungen Mann handelt es sich
um niemanden anderen, als um meinen Vater.
Fortsetzung folgt ... !
Eure Antigonae