Thursday, 27. november 2008 4 27 /11 /Nov. /2008 12:28

Alles was ihm vertraut war, hatte der junge Mann hinter sich gelassen. Hinter sich in seiner Heimat, in einem Land in Nordafrika, namens Marokko. Dort hatte er Zeit seines Lebens gelebt, und schon als Kind musste er

hart arbeiten, um die grosse Familie mitzuernähren. So lernte er also früh hart zu schuften, aber nie wurde es ihm ermöglicht, eine Schule zu besuchen. Er wuchs ohne jegliche schulische  Bildung auf. Er lernte nicht zu

lesen oder zu schreiben, noch irgendwelche Formeln, oder gar eine Fremdsprache. Er wuchs als Analphabet

auf, der er war. Und er stellte es nie in Frage, wie hätte er auch. Er kannte es nicht anders, und war mit seinem

Schicksal zufrieden. Was er brauchte, um als Erwachsener zu bestehen, bezog er aus den Quellen seiner Re-

ligion und Tradition. Das gab ihm Vertrauen, und stärkte sein Ansehen unter den Seinen. Er war zwar ungebil-

det, aber dennoch ein gottesgläubiger und rechtschaffener Mann.

Anfang der 60er Jahre, des letzten Jahrhunderts,  ließ sich der junge Marokkaner von der Euphorie anstecken, sich im Ausland als Hilfsarbeiter anwerben zu lassen. Das eröffnete ihm die Möglichkeit, für seine Arbeit höher entlohnt zu werden, und damit seiner Familie besser unter die Arme greifen zu können. Außerdem wäre er ein

gemachter Mann, der viel Ansehen genießen würde. Und vielleicht könnte er so seine Angebetete viel eher hei-

raten, als jahrelang, mit einem kärglichen Lohn, darauf hinzusparen. Seine Angebetete war seine Cousine ersten Grades, wie im Islam nicht unüblich.

Also ging er in eines dieser Büros, und ließ sich registrieren. Da er aber Analphabet war,  konnte er nicht lesen,

das man ihn für die BRD registriert hatte. Im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute, die sich für den ehemaligen

Kolonialherren Frankreich registrieren ließen. Oder zumindest im französisch-sprachigen Raum, wie z.B. in

Belgien.

So kam besagter junger Marokkaner 1962 in der BRD an. Nie zuvor hatte er seine Heimat verlassen, noch hatte

er je über genügend Geld verfügt, um zu verreisen. Da stand er nun, auf einem Bahnhof in Nordrhein-Westpha- len, und wurde von Fremden empfangen,die sich um die frisch angekkommenen Gastarbeiter kümmerten. Weh-

mütig dachte an er an all die Freunde, die das Glück hatten, zusammen nach Frankreich gehen zu können. Sein Los hingegen war es, alleine in diesem absolut fremden Land angekommen zu sein. Niemanden, den er

kannte, kein einziges Wort, das er verstand, fremde Geräusche die ihn verunsicherten, und eine Kultur, die seiner so fremd war. Er trotzte all diesen Wiedrigkeiten, und blieb, obwohl er am liebsten die Flucht ergriffen

hätte.

Dies sind die Hintergründe zum Anfang meiner Geschichte. Denn bei besagtem jungen Mann handelt es sich

um niemanden anderen, als um meinen Vater.


Fortsetzung folgt ... !   

Eure Antigonae

von antigonae - veröffentlicht in: persönlich anonym
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Monday, 3. november 2008 1 03 /11 /Nov. /2008 19:12
Dies richtet sich an all diejenigen, denen es im Leben nicht  immer leicht gemacht wurde. Dies ist ein Versuch, euch
zu sagen, ihr seid keine Einzeschicksale. Es gibt Millionen von Menschen, denen es elendlich geht. Und ich weiß, das
es manchen so beschissen geht, das sie noch nicht einmal darüber reden können. Ich möchte auch keine einzige Ge-
schichte herunter spielen, frei nach dem Motto, es gibt noch andere, denen es beschissener geht. Jeder hat sein Paket zu tragen, jeder hat seine Geschichte, mit seinem ureigenen Schmerz. 
Es liegt mir am Herzen, von mir zu erzählen, weil auch ich eine derjenigen bin, die eine Menge einstecken musste. Und manchmal war es so schwer, das ich dachte an der Last kaputt zu gehen. Manch einer wird sich darin wieder er-
kennen, und mir recht geben. Es grenzt an ein Wunder, das man so manche Klippe überlebt hat, ohne dabei durch zu
drehen. Es ist ein Wunder, das es einen noch gibt, und das man noch funktioniert. Wie geht denn das ? Wie kann man
so etwas seelisch überleben ? Vieles konnte ich jahrelang nicht ansprechen. Alleine schon der Gedanke an das Er-
lebte raubte mir fast den Verstand. Aber heute kann ich darüber zumindest schreiben, und sehr selten auch darüber
reden. Denn wenn ich rede, kommt immer noch eine Welle der Traurigkeit hoch, und die schnürt mir die Kehle zu. So das ich dann mehr weine, als das ich rede. Aber immerhin, es geht doch . . . !
Also erzähle ich euch meine Geschichte, jeden Tag ein wenig, um euch hinter meine Kulissen blicken zu lassen. Denn niemand von den Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe, würde diese Geschichte mit mir in Vebindung
bringen. Dazu bin ich viel zu tough, das würde gar nicht zu mir passen. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Also erzähle ich euch anonym von mir. Weil das ,was ich zu sagen habe, bleibt bestimmt nicht ohne Reaktionen aus, auf die ich aber absolut keine Lust habe. Ich möcht es mir einfach von der Seele reden, und mir keine Beschimpfungen
anhören müssen, in denen ich Gefahr laufe, als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden. Also dann, begleitet mich
demnächst, wenn ich euch erzähle, was für ein tägliches Theater ich gespielt habe, um irgendwie den ganzen Wahn-
sinn zu überleben.

Eure Antigonae
       
von antigonae - veröffentlicht in: persönlich anonym
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